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Dieter Schlesak: VLAD. Die Dracula-Korrektur. Roman. Ludwigsburg: Pop Verlag 2007. 198 S. € 16, 20

Der Titel dieses Romans mag zu Missverständnissen führen. Daher sollte vielleicht eins vorweg gesagt werden: Das Buch versteht sich trotz der umfangreichen Literaturliste im Anhang keinesfalls als wissenschaftlicher Beitrag und nicht einmal als historischer Roman im klassischen Sinn will es gelesen werden. Die vorgenommene „Korrektur“ betrifft eher den Dracula-Mythos, so wie er durch Bram Stokers Roman und dessen zahlreiche Verfilmungen entstanden ist, und macht zugleich auf einen Themenkomplex aufmerksam, der im alltäglichen Leben Gegenstand der Verdrängung ist. Es geht um die Verwebung von Gewalt, Sexualität und Tod, die hier wiederentdeckt und meisterhaft dargestellt wird. Der Ich-Erzähler bringt die Faszination, die dem Vorbild Draculas immer noch anhaftet, auf den Punkt: „Deshalb ist der Untote Vlad Dracul so berühmt geworden, weil er Sex, Liebe, Tod und auch die Macht und die Grausamkeit in sich vereint.“ (S. 155) und im Nachwort charakterisiert der Autor seine Hauptgestalt als „Pendant zu Dr. Freud“ und großen „Entlarver des Trieblebens“ (S. 193). Dieter Schlesaks Roman lässt sich also als Gegenentwurf zu einem Trivialmythos lesen, dessen Erfolg sich hauptsächlich aus dem guten Unterhaltungswert für ein gruselfilmbegeistertes und auf Anstössiges aus der Karpatenregion gieriges Publikum erklärt.

Trotz der gründlichen Dokumentation, auf der das Werk beruht, ist eine Leseweise, die sich auf einen realistischen, sozial-historischen Code beschränkt und die transformierenden Kräfte des Literarischen ignoriert, im Falle dieses Buches völlig ungeeignet. Dieter Schlesak hat sich wiederholt von mimetisch-realistischer Literatur distanziert, folglich entziehen sich auch seine Texte jeder Interpretation, die unter der textuellen Oberfläche eine in sich geschlossene und fixe Bedeutung aufzuspüren meint. Für ein adäquates Verstehen des Romans ist daher eine positivistische Einstellung mit ihrem Ideal der objektiven Wahrheit verfehlt. Viel wichtiger als die genaue Kenntnis der historischen Fakten ist die richtige Einschätzung des kulturellen Wissens, das dem Text zugrunde liegt und mit Hilfe dessen narrative Topographien hergestellt werden. Außer dem zeitgenössischen Ich-Erzähler, der sich bei seiner Erkundung der Vergangenheit der Instrumente seiner eigenen Epoche bedient und dessen Unternehmen im Rahmen der poststrukturalen Theorie und der Quantenlogik analysierbar ist, gibt es im Roman noch zwei erzählte Figuren, die ausführlich mit ihrem jeweiligen Wissenscode zu Wort kommen. Die eine ist die Titelfigur, die ein mehr oder weniger erkennbares Porträt der historischen Gestalt Vlad Ţepeş (der Pfähler) darstellt und deren Perspektive dem Wissenschafts-Paradigma des Spätmittelalters entspricht. Sein Leben wird aus der Sicht einer fiktiven und grenzüberschreitenden Gestalt, des italienischen Franziskanerpaters Bernardo, eingehend beschrieben und gedeutet. Grenzüberschreitend ist diese Figur vor allem deshalb, weil sein Wissen weit über den historischen Rahmen der Handlung hinausgeht. Das erklärt u.a. auch die sonst befremdlichen Anachronismen, die gelegentlich im Zusammenhang mit seiner Person vorkommen. Bernardo sprengt auch den Rahmen dieses Romans, taucht unter einem anderem Namen und in einer anderen Epoche in Schlesaks Roman Der Verweser auf und erweist sich dadurch als intertextuelle Gestalt. Er ist ein Mann der Renaissance, mit der esoterischen Tradition gut vertraut, als Chiliast und Alchemist tätig, jedoch in beiden Romanen ebensosehr ein Alter ego des Autors, ein „Zwischenschaftler“ und Heimatloser, der sich „sein Leben lang mit dem Sterben und mit dem Buch beschäftigt“ (S. 92). Als treuer Privatsekretär Vlads versucht er schreibend der Frage nachzugehen: Wer ist dieser grausame Mann wirklich? und liefert dabei einen großartigen Kommentar zur thematischen Konstellation „Tod-Schrift-Körper“, die als roter Faden den ganzen Roman durchzieht. In der Beziehung zur Schrift kommen sich die zwei sonst so verschiedenen Gestalten nahe: „Und wie sehr bin ich mit diesem armen Wüterich doch verwandt, weil nur das Schreiben mir noch Leben gibt, und der Dracole schrieb ja auch aus dem Kerker in Buda 1464 in seinen langen Briefen an den alten Enea Piccolomini: ´Meine eigentliche Wohnung, kann ich Eurer Heiligkeit sagen, ist die SCHRIFT, es ist die beste Zusammenführung uns hier erlaubt, die mich bewegt, die ich bewege.´ “ (S.110). Der Text enthält also die ganze erreichbare Wahrheit des schreibenden Subjektes. Hinter den Wörtern ist nicht die „wahre Natur“ des beschriebenen Objektes zu entdecken, sondern in ihnen und durch sie wird diese Natur zum Imaginären des Chronisten. Bernardo und der Ich-Erzähler wechseln sich beim Erzählen ab, was auch stilistisch signalisiert wird, und bescheiden sich nicht mit einer „objektiven“ Schilderung der sozialen Misere und der Gräueltaten Vlads, sondern bieten ein um neue Dimensionen erweitertes Bild des rumänischen Fürsten, das zugleich als kulturell geformtes und umformbares Produkt erkennbar ist. Die Rache der Sachsen auf Vlad, der durch ihre Verleumdung in Gefangenschaft gerät, wird vom heimatlosen Bernardo als Hass auf alles Fremde gedeutet und somit in den abendländischen Diskurs eingeschrieben, der alle Fremdheiten zum „Bösen“ macht. Tatsächlich erscheint Vlad Dracul als Inbegriff des Unheimlichen, dessen quasi-religiöse Abirrungen sich in einer extremen Körperfeindlichkeit manifestieren. Für Bernardo ist Vlad ein radikaler Orphiker, der sich nach dem „Ausstieg aus dem Körpergrab“ (S. 149) sehnt und die Preisgabe an die Körperqual als Weg der Erlösung betrachtet.

Das Buch bietet über weite Passagen ein wahres Theater der Grausamkeit und der Sexualität, das auch deshalb befremden mag, weil es dem Publikum meistens schwer fällt, die ästhetische Erfahrung zu vollziehen – und sei es im negativen Sinn einer Erschütterung – solange es die imaginäre Welt des Kunstwerks mit der Realität verwechselt. Der Leser sieht sich mit einer verwirrenden Abfolge von angst- und ekelerregenden Gewaltakten konfrontiert, die sich auf eine Bewusstseinserweiterung hinbewegt, indem sie den empfindlichsten, erschreckendsten Bezirk des Unbewussten anspricht und tiefsitzende Ängste wachruft, die dem modernen Individuum nur als neurotische Störungen und obsessionelle Phantasien widerfahren.

L’uomo senza radici

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